Cashflow verstehen und aktiv steuern: Liquiditätsplanung mit 13-Wochen-Plan
Gewinn ist nicht Liquidität
Eine Rechnung über CHF 10'000 erhöht den Umsatz am Tag, an dem sie geschrieben wird. Auf dem Konto ist das Geld erst, wenn der Kunde zahlt. Dazwischen laufen Löhne, Miete, Sozialversicherungen und MWST weiter. Ein Betrieb kann deshalb im Jahresabschluss Gewinn ausweisen und im Dezember den 13. Monatslohn nicht zahlen können. Liquiditätsplanung schliesst diese Lücke. Der Plan zeigt nicht, ob das Geschäft rentiert, sondern ob das Geld zum richtigen Zeitpunkt da ist.
Die Fixtermine, die jedes Schweizer KMU kennt
Die grossen Auszahlungen sind selten überraschend. Fast alle folgen festen Terminen, die in die Planung gehören:
- MWST. Die Abrechnung muss innert 60 Tagen nach Ende der Abrechnungsperiode eingereicht und bezahlt sein (Art. 71 Abs. 1 und Art. 86 Abs. 1 MWSTG). Bei der effektiven Methode wird in der Regel quartalsweise abgerechnet, mit der Saldosteuersatzmethode halbjährlich. Für das 3. Quartal 2026 heisst das: Zahlung bis 29. November. Bei verspäteter Zahlung fällt ohne Mahnung Verzugszins an.
- Jährliche MWST-Abrechnung. Seit 1. Januar 2025 können Unternehmen mit einem Jahresumsatz bis CHF 5'005'000 auf Antrag jährlich abrechnen. Die Zahlungen verschwinden damit nicht: Bei der effektiven Methode sind drei Raten fällig (30. Mai, 30. August, 30. November), bei der Saldosteuersatzmethode eine (30. August). Die Abrechnung folgt bis Ende Februar des Folgejahres.
- AHV, IV, EO. Arbeitgebende zahlen Akontobeiträge bis zu einer jährlichen Lohnsumme von CHF 200'000 vierteljährlich, darüber monatlich. Spätester Termin ist der 10. Tag nach Quartals- oder Monatsende. Wer zu spät zahlt, schuldet 5 Prozent Verzugszins pro Jahr.
- Schlussabrechnung der Ausgleichskasse. Die Lohndeklaration ist bis 30. Januar einzureichen. Waren die Akontobeiträge zu tief, kommt eine Rechnung mit 30 Tagen Zahlungsfrist, die nicht verlängert werden kann.
- Löhne und 13. Monatslohn. Der Dezember ist für viele Betriebe der teuerste Monat, weil der 13. Lohn mit dem Dezemberlohn ausbezahlt wird und die Kundenzahlungen über die Feiertage nachlassen.
Ein 13-Wochen-Plan, durchgerechnet
Ein Dienstleistungsbetrieb mit sechs Mitarbeitenden plant ab dem 19. Oktober 2026. Annahmen: Kontostand CHF 60'000 zu Beginn, Nettolöhne CHF 38'000 pro Monat, Sozialversicherungsbeiträge rund CHF 7'500 pro Monat (monatlich, da die Lohnsumme über CHF 200'000 liegt), Miete CHF 6'000, laufende Lieferantenrechnungen rund CHF 3'000 pro Woche, MWST-Zahlung für das 3. Quartal CHF 15'000. Die Kundenzahlungen stammen aus der Debitorenliste, nach den Zahlungsgewohnheiten der einzelnen Kunden.
| Woche | Zeitraum | Einzahlungen | Auszahlungen | Kontostand Ende Woche | Grosse Posten |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 19.10. bis 25.10. | 18'000 | 41'000 | 37'000 | Löhne Oktober |
| 2 | 26.10. bis 01.11. | 14'000 | 9'000 | 42'000 | Miete |
| 3 | 02.11. bis 08.11. | 16'000 | 3'000 | 55'000 | |
| 4 | 09.11. bis 15.11. | 15'000 | 10'500 | 59'500 | Sozialversicherungen Oktober |
| 5 | 16.11. bis 22.11. | 17'000 | 3'000 | 73'500 | |
| 6 | 23.11. bis 29.11. | 15'000 | 56'000 | 32'500 | Löhne November, MWST 3. Quartal |
| 7 | 30.11. bis 06.12. | 16'000 | 9'000 | 39'500 | Miete |
| 8 | 07.12. bis 13.12. | 18'000 | 10'500 | 47'000 | Sozialversicherungen November |
| 9 | 14.12. bis 20.12. | 20'000 | 3'000 | 64'000 | |
| 10 | 21.12. bis 27.12. | 12'000 | 79'000 | minus 3'000 | Löhne Dezember mit 13. Monatslohn |
| 11 | 28.12. bis 03.01. | 4'000 | 8'000 | minus 7'000 | Miete, Feiertage |
| 12 | 04.01. bis 10.01. | 14'000 | 18'000 | minus 11'000 | Sozialversicherungen Dezember |
| 13 | 11.01. bis 17.01. | 18'000 | 3'000 | 4'000 |
Der Plan zeigt, was die Erfolgsrechnung nicht zeigt. Der Betrieb ist profitabel, die Einzahlungen von CHF 217'000 in 13 Wochen sind stabil. Trotzdem rutscht das Konto in Woche 10 ins Minus und bleibt drei Wochen dort. Der Grund ist nicht ein schlechter Monat, sondern das Zusammentreffen von 13. Monatslohn, Feiertagsflaute und den Sozialversicherungsbeiträgen auf dem doppelten Dezemberlohn.
Weil der Plan Mitte Oktober erstellt wurde, bleiben zehn Wochen Zeit. Mögliche Massnahmen: Für laufende Projekte Teilrechnungen stellen statt Schlussrechnung im Januar, die drei grössten offenen Posten vor Ende November aktiv nachfassen, bei der Bank eine Kontokorrentlimite vereinbaren, solange die Zahlen gut aussehen, und nicht dringende Anschaffungen in den Februar schieben.
Die Debitorenlaufzeit ist der grösste Hebel
Eine Rechnung ohne vereinbarte Frist ist nach Art. 75 OR sofort fällig. In der Praxis gelten meist 30 Tage. Laut KMU-Portal des Bundes liegt die effektive Debitorenfrist bei einem Zahlungsziel von 30 Tagen typischerweise bei 36 bis 45 Tagen. Jeder Tag, um den diese Frist sinkt, bringt einmalig Liquidität.
Rechnung für den Beispielbetrieb: Umsatz rund CHF 72'000 pro Monat, also rund CHF 2'370 pro Tag. Sinkt die Debitorenlaufzeit von 45 auf 35 Tage, werden einmalig rund CHF 23'700 frei. Das hätte die Lücke im Dezember fast geschlossen. Die Mittel dazu sind unspektakulär: sofort nach Leistung fakturieren, QR-Rechnung mit korrekter Referenz, Zahlungserinnerung am ersten Tag nach Fälligkeit. Wie ein konsequentes Mahnwesen aufgebaut ist, steht im Artikel Was tun, wenn Kunde XY nicht zahlt. Ab Verzug kann nach Art. 104 OR ein Verzugszins von 5 Prozent verlangt werden.
Budget: wo kürzen, wo nicht
Ein Budget ist die Jahresplanung, der 13-Wochen-Plan die operative Sicht. Beim Kürzen lohnt sich ein Blick auf wiederkehrende Fixkosten: Softwareabos, Versicherungen, Fläche, Leasing. Diese Kosten fallen jeden Monat an, unabhängig von der Auslastung. Investitionen, die direkt Zeit beim Fakturieren oder Erfassen sparen, sind dagegen selten der richtige Ort zum Sparen, weil sie genau die Debitorenlaufzeit verkürzen, die die Liquidität bestimmt.
Zinsen: aktuell kein Haupttreiber
Die Schweizerische Nationalbank hat den Leitzins im Juni 2025 auf 0 Prozent gesenkt und ihn an der Lagebeurteilung vom 24. September 2026 unverändert gelassen. Die SNB unterstellt in ihrer Prognose einen Leitzins von 0 Prozent über den gesamten Prognosezeitraum, die nächste Lagebeurteilung ist am 10. Dezember 2026. Für KMU heisst das: Die Finanzierungskosten sind im Moment nicht das Hauptproblem. Kontokorrentkredite kosten trotzdem deutlich mehr als der Leitzins, weil die Bank eine Marge auf das Risiko schlägt. Wer seine Liquidität plant und gute Zahlen vorlegt, verhandelt diese Marge aus einer besseren Position. Welche Kennzahlen Banken dabei anschauen, steht im Ratgeber zu Finanzkennzahlen für KMU.
So startest du
- Tabelle mit 13 Spalten (Wochen) und den Zeilen Einzahlungen, Auszahlungen, Kontostand anlegen.
- Fixtermine eintragen: Löhne, 13. Monatslohn, Sozialversicherungen, MWST, Miete, Leasing, Steuerraten.
- Einzahlungen aus der Debitorenliste übernehmen, nach dem tatsächlichen Zahlverhalten des Kunden, nicht nach Fälligkeit.
- Mindestbestand festlegen, zum Beispiel einen Monatslohn plus Sozialversicherungen.
- Jeden Montag den Plan mit dem Kontostand abgleichen und eine Woche hinten anfügen.
Quellen
- ESTV: Mehrwertsteuer bezahlen (60 Tage, Verzugszins)
- ESTV: Jährliche MWST-Abrechnung ab 2025
- Informationsstelle AHV/IV: Merkblatt 2.01 Lohnbeiträge an die AHV, die IV und die EO (Stand 1.1.2026)
- KMU-Portal des Bundes: Kennzahlen zur Unternehmensüberwachung
- SNB: Geldpolitische Lagebeurteilung vom 24. September 2026
- Fedlex: Obligationenrecht (SR 220)