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Temu und der KMU-Verband: Digitalisierung oder Abhängigkeit?

Der Schweizerische KMU-Verband bringt seine Mitglieder mit Temu in den Online-Handel. Hinter der Absichtserklärung steckt eine Frage, die jeden Betrieb betrifft: Auf wessen Plattform baust du dein Geschäft?
03.08.2026

Was passiert ist

Der Schweizerische KMU-Verband (SKV) und der chinesische Marktplatz Temu haben Ende Juli eine Absichtserklärung unterzeichnet. Sie ist ausdrücklich kein bindender Vertrag. Über ein Programm für die Jahre 2026 und 2027 sollen Mitgliedsbetriebe Schulungen, Erfahrungsaustausch und Fallbeispiele von Schweizer Firmen erhalten, die bereits online verkaufen. Erklärtes Ziel ist es, die Einstiegshürde in den E-Commerce zu senken. Der Verband vertritt nach eigenen Angaben rund 9'000 Unternehmen mit etwa 40'000 Beschäftigten.

Die Meldung hat breit eingeschlagen, und sie polarisiert. Temu steht international wiederholt in der Kritik, unter anderem wegen Produktsicherheit, Konsumentenschutz und Datenschutz. Der Schweizer Detailhandel klagt seit Längerem über den Druck durch günstige Direktimporte. Temu weist die Vorwürfe zurück und verweist auf eigene Compliance-Massnahmen.

Die Frage dahinter ist nicht Temu

Man kann über den Partner streiten. Interessanter ist die Frage darunter, und die stellt sich unabhängig davon, ob am Ende Temu, Amazon, Galaxus oder ein Branchenportal steht: Was genau digitalisierst du, wenn du auf einem Marktplatz verkaufst?

Ein Marktplatz bringt Reichweite, und Reichweite ist echt. Aber er bringt auch eine Struktur mit: Die Kundenbeziehung gehört der Plattform. Die Preisgestaltung folgt ihrer Logik. Die Daten darüber, wer was wann kauft, liegen bei ihr. Wer sein Geschäft dort aufbaut, digitalisiert in erster Linie den Absatzkanal, nicht den eigenen Betrieb.

Das ist kein Argument gegen Marktplätze. Es ist ein Argument für die Reihenfolge.

Die nüchterne Reihenfolge

Ein Betrieb, dessen Offerten in Word entstehen, dessen Rechnungen von Hand nachverfolgt werden und dessen Kundendaten in drei Excel-Dateien liegen, wird durch einen Marktplatz-Zugang nicht digitaler. Er bekommt einen zusätzlichen Kanal, der zusätzliche Administration erzeugt.

Sinnvoller ist der umgekehrte Weg:

  1. Die eigenen Abläufe zuerst. Offerten, Rechnungen, Belege, Zeiterfassung, Kundendaten. Das ist die Ebene, auf der Effizienz entsteht, und sie gehört dir.
  2. Dann Kanäle dazuschalten. Ein Marktplatz ist ein Kanal unter mehreren, kein Ersatz für einen eigenen Auftritt.
  3. Und zwar so, dass du wieder rauskommst. Die entscheidende Frage vor jedem Plattform-Entscheid: Was bleibt dir, wenn du in zwei Jahren aufhörst? Wenn die Antwort «nichts» lautet, ist es keine Digitalisierung, sondern eine Vermietung.

Wer seine Prozesse im Griff hat, kann auf einem Marktplatz verkaufen, ohne von ihm abhängig zu werden. Wer sie nicht im Griff hat, verlagert das Chaos nur an einen Ort, an dem jemand anderes die Regeln macht.

Zur Diskussion

Würdest du dein Sortiment auf einen internationalen Marktplatz stellen? Und wo verläuft für dich die Grenze zwischen Pragmatismus und Abhängigkeit? Die Frage ist ernst gemeint, denn für viele kleine Betriebe ist Reichweite tatsächlich das knappste Gut.

Quellen

Publikationsdatum 03.08.2026