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Digitale Souveränität ist kein Konzernthema

Eine qualitative Studie zur digitalen Souveränität kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Schweizer Unternehmen sehen Unabhängigkeit von grossen, meist amerikanischen Anbietern nicht in erster Linie als Kostenfaktor, sondern als Chance.
03.08.2026

Worum es geht

«Digitale Souveränität» klingt nach Bundesbern, nach Rechenzentren und nach Konzern-IT. Entschieden wird sie aber im Alltag jedes Betriebs, und zwar mit ganz gewöhnlichen Fragen: Wo liegen deine Kundendaten? Wer hat Zugriff auf deine Offerten und deine Buchhaltung? Was passiert, wenn dein Anbieter die Preise verdoppelt, das Produkt einstellt oder den Vertrag ändert?

David Presberger und Paolo Di Tommaso haben dazu 16 qualitative Interviews geführt, mit Vertreterinnen und Vertretern aus Unternehmen, Verbänden und Politik. Die Interviews stammen aus dem Januar und Februar, die Untersuchung wurde Ende März 2025 als Preprint veröffentlicht. Das Onlinemagazin Das Netz ist politisch hat sie Ende Juli aufgegriffen, weil das Thema durch die Cloud- und KI-Debatte laufend an Gewicht gewinnt.

Das überraschende Ergebnis

Die Erwartung wäre, dass Unabhängigkeit vor allem als Kostenfrage wahrgenommen wird, also als etwas, das man sich leisten können muss. Die Befragten sehen es anders. Sie nennen konkrete Vorteile:

  • Verhandlungsposition. Wer nicht in einem Anbieter feststeckt, verhandelt anders. Steigende Lizenzkosten treffen ihn nicht mit voller Wucht.
  • Flexibilität und Krisenfestigkeit. Daten, die sich bewegen lassen, sind ein Sicherheitsnetz.
  • Zusammenarbeit mit europäischen Kunden. Wo Datenhaltung ein Thema ist, wird sie zum Zulassungskriterium.
  • «Swiss made» als Unterscheidungsmerkmal. Nicht als Patriotismus, sondern als Verkaufsargument gegenüber den eigenen Kunden.

Als Hürden nennt die Studie unter anderem, dass strategische Abhängigkeiten bei der Kostenrechnung selten eingepreist werden, dass Wissen über Grundlagen und Open-Source-Alternativen fehlt, dass es für manche Branchen schlicht keine passenden Lösungen gibt, und dass Informationen über souveräne Alternativen schwer zu finden sind. Als Beispiel für das Kostenrisiko wird die Preisentwicklung bei VMware nach der Übernahme durch Broadcom angeführt.

Warum das ein KMU-Thema ist

Ein grosser Konzern kann eine Migration stemmen. Ein Betrieb mit acht Mitarbeitenden nicht, jedenfalls nicht nebenbei. Genau deshalb ist die Frage für kleine Unternehmen wichtiger, nicht unwichtiger: Die Abhängigkeit entsteht leise, über Jahre, durch Bequemlichkeit, und sie wird erst spürbar, wenn es teuer oder unmöglich wird, sie aufzulösen.

Souveränität heisst dabei nicht, alles selber zu betreiben. Das wäre für die meisten Betriebe unsinnig. Es heisst, die Abhängigkeit zu kennen und begrenzt zu halten.

Drei Fragen für den eigenen Betrieb

  1. Kommst du an deine Daten heran? Nicht theoretisch, sondern praktisch: Gibt es einen Export, der brauchbar ist, und hast du ihn je ausprobiert?
  2. Was kostet der Wechsel? Nicht in Franken allein, sondern in Tagen und in Risiko. Wenn du es nicht abschätzen kannst, ist das die Antwort.
  3. Wo liegen die Daten deiner Kunden? Diese Frage stellen zunehmend deine Kunden selbst, besonders wenn sie in regulierten Branchen arbeiten. Eine gute Antwort ist ein Verkaufsargument.

Digitale Souveränität ist damit weniger eine Haltung als eine Form von Risikomanagement, und die ist auch für kleine Betriebe zu haben.

Quellen

Publikationsdatum 03.08.2026